Griechenlandkrise: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer hat es in den letzten Tage nicht auch den Medien entnommen – die Banken beteiligen sich an den Schulden Griechenlands und haben auf 50% ihrer Forderungen verzichtet. Griechenlands Verschuldung soll sich dadurch bis 2020 von derzeit 160% auf 120% des BIPs vermindern und auf diese Weise eine nachhaltige Sanierung erreicht werden. Griechenland gerettet, wieder einmal?

Sieht man sich den propagierten Lösungsansatz genauer an, fallen einige Unstimmigkeiten auf. Im Euro Summit Statement, wo die Beteiligung der Banken festgehalten wurde, heißt es unter Punkt 12: „We invite Greece, private investors and all parties concerned to develop a voluntary bond exchange with a nominal discount of 50% on notional Greek debt held by private investors. The Euro zone Member States would contribute to the private sector involvement package up to 30 billion euro. On that basis, the official sector stands ready to provide additional programme financing of up to 100 billion euro until 2014, including the required recapitalization of Greek banks. The new programme should be agreed by the end of 2011 and the exchange of bonds should be implemented at the beginning of 2012.”

Im Klartext bedeutet das, dass sich derzeit noch keine Bank an den Schulden Griechenlands in irgendeiner Form beteiligt hat, sondern bis zum Jahresende Verhandlungen darüber laufen, wie genau diese Beteiligungen ausschauen sollen. Es wird auch nicht auf 50% der Forderungen verzichtet, sondern die von den Banken gehaltenen Anleihen werden gegen neue Anleihen ausgetauscht. Das sollte dann in der Praxis so aussehen, dass eine Bank eine Anleihe mit dem Nominalwert von 100 gegen eine mit dem Nominalwert von 50 austauscht.

Sieht man sich den momentanen Wert von Griechenlandanleihen an, ist das ein guter Deal für die Banken. Dazu muss man aber verstehen, dass einmal gekaufte Anleihen auf einem Sekundärmarkt gehandelt werden können. Wenn ich eine Griechenlandanleihe mit einem Nominalwert von 100 Euro kaufe, dann kann ich den von Griechenland ausgestellten Schuldschein wieder verkaufen. Momentan geht aber niemand davon aus, dass die 100 Euro, die ich Griechenland geliehen habe, wieder zu 100% zurückgezahlt werden. Deshalb kann man Griechenlandanleihen derzeit sehr günstig erstehen. Z.B. die Griechenland-Anleihe GR0124029639 mit einer Nominale von € 100 steht derzeit bei € 31,52; die vergleichbare Anleihe GR0124028623 steht derzeit bei € 36,26. Die Banken werden diese Anleihen gegen neu ausgegebene Anleihen mit einem Wert von € 50 eintauschen. Der Coupon (das sind die jährlichen Zinszahlungen) ist bei den beiden genannten Anleihen mit 4,2% respektive 3,6 % relativ niedrig. Es darf stark bezweifelt werden, dass die von den Banken neu übernommenen Anleihen auch eine so niedrige Verzinsung aufweisen werden – zu rechnen ist wohl eher mit einem Coupon von mehr als 6%. Bei solchen Geschäften würden die Banken also keinesfalls große Verluste erzielen, sondern noch sehr gut aus dem Griechenlandgeschäft aussteigen. Natürlich bleiben die konkreten Verhandlungsergebnisse abzuwarten, doch scheint es unwahrscheinlich, dass sich die Banken für eine freiwillige Beteiligung mehr Geld als nötig aus der Tasche ziehen lassen.

Diese freiwillige Beteiligung bezieht sich auch nur auf den privaten Sektor. Griechenland hat derzeit Schulden in der Höhe von etwa 350 Milliarden Euro. Davon entfallen laut Spiegel online ca 50 Milliarden auf die EZB, 41 Milliarden auf die anderen EU-Staaten, 18 Milliarden auf den IWF, mehr als 30 Milliarden auf ausländische Fonds und 60 Milliarden auf griechische Banken. Ausländische Banken haben ihr Engagement in Griechenland konstant abgebaut – Ende Juni sollen es laut Statistik der Bank für internationalen Zahlungsausgleich nur mehr rund 40 Milliarden gewesen sein. Der gesamte Bankensektor hat Griechenland also mindestens 100 Milliarden Euro geliehen.

Fraglich ist, ob der vom Institute of International Finance (IFF) als Vertreter der Großbanken ausgehandelte Kompromiss für die gesamten 100 Milliarden gilt (also die Forderungen der ausländischen und griechischen Banken gegenüber Griechenland) oder nur für die 40 Milliarden der ausländischen Banken und den griechischen Banken eine Sonderrolle zukommen wird. Es wäre nämlich unrealistisch anzunehmen, dass die griechischen Banken die Verluste durch den Anleihentausch selbst stemmen können. Um nicht unter die Kernkapitalvorschriften zu fallen, werden wohl weitere Finanzspritzen von Staatsseite notwendig werden. Dies wird in geringerem Maße auch für die ausländischen Banken zutreffen. In diesem Licht wird auch die Formulierung im Euro Summit Statement zu sehen sein, wonach die Mitgliedsstaaten der Eurozone die zum Zweck des Anleihentausches neu ausgegebenen Anleihen mit 30 Milliarden besichern und darüberhinaus 100 Milliarden bis 2014 an zusätzlichen Mitteln für weitere Maßnahmen bereitstellen wollen. Diese 130 Milliarden sind offensichtlich auch mehr als die 100 Milliarden, um die es derzeit geht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt – da werden doch wohl nicht noch andere Verbindlichkeiten auftauchen, für die letztlich der Steuerzahler haften wird?

Jedenfalls wäre bei einem echten Schuldenschnitt von 50% am Ende von den 350 Milliarden Schulden nur mehr 175 Milliarden von Griechenland zu bezahlen. Beim ausgehandelten Kompromiss fallen aber nur maximal 50 Milliarden Euro an Schulden weg, aufgrund der aktuellen Anleihenpreise eher weniger wie weiter oben schon dargestellt wurde. Somit verringern sich die Schulden von 160% des BIP maximal auf 137% des BIP. Es ist wahrscheinlicher, dass sich die Schulden in noch geringerem Maße reduzieren. Das bedeutet schlussendlich, dass Griechenland ohne weitere Hilfen nicht der Schuldenspirale entkommen wird.

Doch warum werden die Banken nicht zu mehr verpflichtet? Weil durch eine Verpflichtung Griechenland offiziell zahlungsunfähig wäre und credit default swaps schlagend werden würden. Bei diesen handelt es sich um eine Art Versicherungen auf Kredite. Doch niemand weiß, wie viel von diesen Kontrakten durch Banken angeboten oder abgeschlossen wurden, wie hoch die Versicherungen sind und v.a. wer die Risiken im Endeffekt trägt. Doch warum bieten viele Banken CDS-Kontrakte an bzw. warum haben viele eine derartige Versicherung abgeschlossen? Eingegangen wurden solche Versicherungen natürlich, um die eigenen Anleihebestände vor drohenden Ausfällen zu schützen. Im Gegensatz dazu ist das Anbieten von CDS für Banken und andere Marktteilnehmer sehr lukrativ, da dafür keine zusätzliche Liquidität benötigt wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Maßnahmen nur wenig Entlastung für Athen bringen werden. Weitere Hilfen sind vorprogrammiert. Doch diese werden politisch leichter durchsetzbar sein, da in der öffentlichen Wahrnehmung sich jetzt auch die Banken freiwillig beteiligt und ihren Beitrag zur Rettung geleistet haben. Die Banktitel sind an den Börsen kurz nach Bekanntwerden des Kompromisses übrigens stark gestiegen. Zynisch ist das Ganze schon.

Gastautor:
Norbert Amlacher

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5 thoughts on “Griechenlandkrise: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

  1. @ Anleihen: Es stellt sich natürlich die Frage, zu welchem Preis wer diese Anleihen gekauft hat. Irgendwer hat immer verloren, wenn der Kurs von 100 über 35 zu 50 spaziert. Aber es kann dabei jetzt auch wer gewinnen.

    @ Schuldenspirale: Da die Zinsen für Anleihen mit Einführung des Euros in Griechenland stark sanken war natürlich die Verlockung groß sich zu verschulden. Es scheint, als ob das Geld aber nicht in Investitionen geflossen ist. Ich denke, dass neben den aktuellen Finanzproblemen mittelfristig auch die Realwirtschaft unter die Lupe (sic!) genommen gehört. „Sparen in der Not“ ist sicher nicht im Sinne Keynes‘ ;-)

  2. zu den Anleihen: natürlich hast du da Recht, das ist ja auch der Grund, warum doch einige Banken Liquiditätsprobleme bekommen werden. Dennoch können die Banken mMn zu einem sehr guten Kurs aussteigen. Wobei man auch folgende Konstellation bedenken muss: was passiert, wenn ich als Bank auf den Deal nicht einsteige? bekomm ich dann eventuell 100 zurück? weil ein default wollen die Staaten aufgrund der cds sicher verhindert. jedenfalls interessante Anreizstrukturen/Interessenskonflikte ;)

  3. „Sieht man sich den momentanen Wert von Griechenlandanleihen an, ist das ein guter Deal für die Banken“

    @Anleihen in den Bankbilanzen: Warum sollte die Konvertierung einer Anleihe mit Nominale von 100 € in eine mit einer Nominale von 50 € für eine Bank einen Vorteil bringen wie du es meinst, wenn man sie mit dem derzeit gehandelten Preis am Sekundärmarkt vergleicht? Einerseits muss man wie Tobias schon meint zwischen denjenigen, die sich ihre Anleihen am Primärmarkt von denjenigen welche sie sich am Sekundärmarkt kauften unterscheiden – iwS Differenzierung zwischen denen welche sich Anleihen als notwendige assets halten (Mündelgeldabdeckung o.ä.) oder als spekulatives investment:

    Erstere kauften sich selbige im Normalfall ohne zustätzl. Agio/Disagio, nämlich in der Regel um die besagte Nominale und bewerteten diese auch zunächst demgemäß in der Bilanz – sie durften allerdings auch am Laufzeitende mit den 100 € und zu den Kuponterminen mit 4 € rechnen.
    Zumindest in der Bilanz 2010 mussten diese Banken in Deutschland und Österreich zumindest diese Anleihe gem. dem Vorsichtsprinzip mit den besagten 30-40€ bewerten, um nun wiederum eine Bewertung von 50 € vornehmen zu dürfen. Allerdings unter der Prämisse nur noch max. lt. deinen Ausführungen mit 6% von 50 € als Kupon statt wie bisher mit sogar 4 € zu kalkulieren.

    Wenn ich mir das so weiterüberlege muss ich anhand einer einfachen Investitionsrechnung schon zum Schluss kommen, dass sich mein Effektivzins auf eine derartige Anleihe dramatisch ins negative entwickeln muss, wenn sich meine Kupons um zumindest 25% jährlich reduzieren und ich nur noch mit 50% Tilgung am Laufzeitende zu rechnen habe – zugegeben – diejenigen spekulativ agierenden Investmenthäuser (Sind das überhaupt Banken im eigentlichen Sinne?) welche sich die Wertpapiere um angenm. 40 € inkl. den Stückzinsen am Sekundärmarkt kauften, machen damit sogar noch einen annehmbaren Profit zu Lasten derjenigen Banken, Staaten und Konsumenten, welche sich die Anleihe grundsolide als Asset über die Gesamtlaufzeit halten wollten.

  4. Natürlich müsste man sich im Detail anschauen, wer am Primärmarkt die Anleihe gekauft und wer am Sekundärmarkt wann und v.a. zu welchem Preis zugeschlagen hat. Diese Daten sind aber leider großteils nicht vorhanden. Nur so könnte man mal die Banken oder im weitesten Sinne Marktteilnehmer identifizieren, welche Anleihen zu spekulativen Zwecken um 35 erwerben und auf eine Rückzahlung zu 100 oder zumindest 50 hoffen. Sollte eine Bank die Anleihe zuerst um 100 kaufen und jetzt im besten Fall nur mehr 50 dafür bekommen, hat sie einen Buchverlust wie von dir beschrieben.

    Der Vollständigkeit halber will ich kurz erwähnen, dass die Bilanzierung von Anleihen nicht so einfach erfolgt, wie das von dir dargestellt wird. Natürlich gilt in Österreich grundsätzlich das UGB und damit das Niederstwertprinzip. Das würde zu einer Bilanzierung führen, wie du sie beschrieben hast, vorausgesetzt die Anleihen werden als Umlaufvermögen qualifiziert (z.b. weil man sie nur 3 Monate zum Spekulieren halten will; strenges Niederstwertprinzip, d.h. bilanzieren zum Marktwert). Sollte die Anleihe von der Bank länger gehalten und als Anlagevermögen qualifiziert werden, gilt das gemilderte Niederstwertprinzip – nur wenn der Verlust auf Dauer eintritt, muss abgewertet werden. Man hat hier also schonmal einen gewissen Interpretationsspielraum. Dieser wird noch größer, wenn die Bank nicht nach UGB sondern nach IFRS bilanziert. Die Bank hat nämlich eine Art Wahlrecht, wie sie bilanzieren will. Nach IFRS gibts zum Beispiel die Möglichkeit mit fair value – das läuft dann im Endeffekt drauf raus, dass man (etwas polemisch, aber was solls) auf welchen Buchwert auch immer kommen kann (z.B. Wert von 20, 50, 80, 100). Jedenfalls ist hier der Manipulation von Bankbilanzen Tür und Tor geöffnet.

    Dennoch würd ich meinen, dass selbst eine Bank, die um 100 gekauft hat und jetzt nur mehr 50 bekommt, trotzdem besser dasteht, als wenn sie im schlimmsten Falle 0-10 (Staatsbankrott Griechenlands) oder 20-40 (haircut) bekommt. Die Banken kommen nochmal mit einem blauen Auge davon, v.a. angesichts dessen, dass man am Markt derzeit nicht soviel bekommen würd. Und einige, die darauf spekuliert haben und bei 30 gekauft haben, profitieren natürlich wirklich – super Rendite bei kurzer Laufzeit. Und da geb ich dir natürlich vollkommen Recht, diese Banken/Marktteilnehmer machen Profit zu Lasten derjenigen Banken, Staaten und Konsumenten, welche sich die Anleihe grundsolide als Asset über die Gesamtlaufzeit halten wollten.

  5. vielleicht hätt ich nicht Manipulation von Bankbilanzen reden sollen, sondern von creative accounting – das triffts eher ;)

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