Definier mal EXTREMISMUS

Über die Konstruktion der gesellschaftlichen Norm und wie die Abweichung davon als Bedrohung für die „demokratische Mitte“ gedeutet wird.
Der Extremismusbegriff dient meist zur Erklärung von Bedrohungen, welche die „freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung“ gefährden würden. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass eine demokratische Mitte existiere, die durch die beiden Ränder an der linken und rechten Seite bedroht wäre. Das politische Spektrum wird dabei als Hufeisen dargestellt, wobei sich beide Ränder einander annäherten. Diese Gleichsetzung von sogenannten Extremismen suggeriert eine statische Gesellschaft in der die „Mitte“ stets den gemäßigten, ausgewogenen Bereich ausmache. Eine Differenzierung und Analyse der Wertesysteme wird dabei nicht vorgenommen, obwohl sich selbst die als linksextrem etikettierten Ideologien Anarchismus und Kommunismus in wesentlichen Punkten fundamental unterscheiden, besonders was die Bewertung des Staates betrifft.
Die Vorstellung von der normalen Mitte und den extremen Rändern ist nicht nur völlig absurd, sondern dient in erster Linie zur Legitimierung vorherrschender Machtverhältnisse des Gesellschaftssystems. Fundamentale Gesellschaftskritik wird dabei als linksextreme Bedrohung diffamiert, während neofaschistische Tendenzen als bloße Abweichung von der Norm gedeutet werden. Wilhelm Heitmeyer hat ermittelt, dass Rassismus, Antisemitismus, völkischer Nationalismus, autoritäre Ordnungsvorstellungen, sexistische Rollenzuweisungen, Sozialdarwinismus und andere Versatzstücke nationalsozialistischer Ideologie keine Randerscheinungen darstellen, sondern für weite Teile der Bevölkerung konsensfähig sind, unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildungsgrad und Einkommensverhältnissen oder Parteipräferenz. Dies wird durch die Extremismustheorie nicht nur ausgeklammert, sondern völlig negiert. Ergebnis ist somit die Verharmlosung von Ungleichwertigkeitsideologien, die sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche ziehen, während linke Gesellschaftskritik und antifaschistischer Widerstand mit dem Handeln und Denken von Nazis gleichgesetzt werden. Dies führt zu einer Kultur der Akzeptanz neofaschistisch motivierter Gewalt, während Zivilcourage und antifaschistischer Widerstand zum Strafdelikt verkommen. Auf dieser Delegitimierung fußt die Repression gegen die linke Szene, die meist mit dem „Mafiaparagraphen“ 278a begründet wird. Während AntifaschistInnen kriminalisiert werden, werden neonazistische Aktivitäten als Jugend- oder Gewaltproblem verkannt und gelten als Abweichung vom nicht genauer definierten politischen Normalitätsbereich.

Vertiefend:
Wolfgang Wippermann: Dämonisierung durch Vergleich. DDR und Drittes Reich, Berlin 2009.
http://inex.blogsport.de/offener-brief-gegen-jeden-extremismusbegriff

David Kriebernegg studiert Geschichte, Kulturanthropologie und Philosophie. Seit WS09 in StV Ethnologie/Kulturanthropologie, FV GeWi und Kulturreferat. Zuvor Alternativreferat und Vertretungsarbeit, u.a. Universitätsvertretung und Senat. Aktiv in IG Geschichte und IG Philosophie.

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