Bildung, um zu (über-)leben

Bildung ist heute Faktor für sozialen Aufstieg, ökonomische Absicherung und die Möglichkeit, den eigenen Lebensbereich in Zusammenhang mit der Umwelt zu überblicken. Aktueller denn je ist daher die Frage nach dem Zugang zum Wissen. Aber tatsächlich geht es um viel mehr: nämlich darum, wie wir eigentlich leben wollen.

Liberales Bildungskonzept. Ob Arbeitsmarkt-Chancen, Einkommensunterschied oder Selbstverwirklichung im Job: Bildung wird in der öffentlichen Diskussion vorrangig von ökonomischer Seite betrachtet. Auch die Politik konzentriert sich darauf, welcher Prozentsatz an höheren Bildungsabschlüssen in der Bevölkerung erreicht werden kann, um den wirtschaftlichen Standort attraktiver zu gestalten. Der Bildungsgrad wirkt sich somit drastisch auf Arbeitsmöglichkeit und persönliche Lebenschancen aus. Und tatsächlich befinden wir uns in einer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, in finanzieller Sicherheit mit fixem Einkommen vorauszuplanen. Einkommensunterschiede driften immer weiter auseinander, prekäre Beschäftigung und mehrfache geringfügige Beschäftigungsverhältnisse bei Jugendlichen und Frauen ist Normalzustand. Soziale Verträglichkeit wird politisch jedoch auch gar nicht mehr angestrebt. So behauptet beispielsweise die Soziologin Frigga Haug in ihrem Text „Schaffen wir einen neue Menschentyp. Von Henry Ford zu Peter Hartz“, dass die politische Debatte von der zu gestaltenden gemeinsamen Öffentlichkeit hin zu isolierten Handlungen des Einzelnen geschwenkt ist. Denn im Wettbewerb gewinnen nur die Besten und diese haben dann auch das Anrecht auf ihr finanzielles Auskommen. Wer nichts leistet, soll auch nichts bekommen, so die neue Definition von Gerechtigkeit. Auch auf das propagierte Bildungsmodell lässt sich die Logik anwenden: Zugangsbeschränkungen sollen vorrangig jene aussortieren, die erforderliche intellektuelle Leistungen nicht erbringen. Der Ansatz liegt im individuellen Einflussbereich, es wird von der einzelnen Person ausgegangen. Was jedoch im Leistungsdiskurs ausgeblendet wird sind Machtverhältnisse, Startvorteile und historische Rahmenbedingungen, die nur schwer und träge veränderbar sind.

Kritischer Bildungsbegriff. Pierre Bourdieu konstruierte den Begriff Habitus, der diese Verschiedenheiten in einer Klassentheorie fasst. Demnach hat nicht jedeR die gleichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, viele Chancen sind an soziale Herkunft und das Milieu gebunden. Mit Gramsci lassen sich soziale Unterschiede und das sie bedingende System herrschaftskritisch herausarbeiten. Seine Theorie zur Hegemonie behauptet dass die Macht der dominanten Klasse mit Hilfe einer Verknüpfung von Institutionen, sozialen Beziehungen und Ideen gebildet und sichergestellt wird. Dabei wird nicht nur Zwang ausgeübt sondern auch gesellschaftlicher Konsens über die Verhältnisse hergestellt. So entsteht ein mehrheitlich geteiltes und gestütztes Bild der Gesellschaft, um welches ständig neu gerungen werden muss. Denn der Konsens für die gemeinsame Ordnung muss immer aufs Neue ausverhandelt werden und hier setzt Bildung an. Gramsci sah es als eine Notwendigkeit, eine Kultur der unterdrückten Klasse zu schaffen. Hierzu bräuchte es ein Bildungssystem, in dem sich Intellektuelle dieser Klasse entwickeln können. Dieses sollte die bereits bestehenden intellektuellen Tätigkeiten erneuern und kritisch hinterfragen. Viele dieser Ideen stimmen mit den Ansichten der kritischen Pädagogik und der „Bildung von unten“ überein, wie sie später von Paolo Freire in Brasilien erprobt wurden. Hierbei soll Diskussion über die vorherrschende Situation und gleichzeitige Sichtbarmachung eigener Gedanken dazu zu der Erkenntnis führen, dass jeglicher Mensch Kultur schafft. Denn Kultur sei grundsätzlich etwas von Menschen Geschaffenes und somit auch veränderbar. Nicht unveränderbare, hinzunehmende Wirklichkeit soll erlernt werden, sondern Wirklichkeit im Prozess und in der Umwandlung gesehen werden. Es liegt an uns, wie wir Gelerntes weiterdenken, und welche wesentlichen Konsequenzen und Taten wir an unseren Überlegungen knüpfen. Die aktuelle Entwicklung der Studierendenproteste lässt auf diese verändernde Bildungspraxen hoffen. So werden in täglichen Plenas Entscheidungen über die nächsten Aktionen der Bewegung getroffen. Derartige Beispiele der lernenden Demokratie-Praxis gibt es in Österreich bislang nicht. Die Statements und die inhaltliche Befassung dieser Bewegung gehen weit über die Finanzierung der Unis hinaus, letztendlich fordern die Studierenden in ihrem gemeinsamen Statement „einen Stop der Ausbeutung in allen Lebensbereichen“. Aktiver gestaltet als derzeit an den besetzten Unis fand Bildung in den letzten Jahren nicht statt. Die Proteste können als Widerstandsbewegung gegen einen ökonomisierten Bildungsbegriff gesehen werden. Ihr Potential ist aber noch bei weitem nicht ausgeschöpft: sie beinhalten die Chance zur Befassung mit Bildung als gesellschaftliche Transformation, als breite Demokratisierung über die Befähigung, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben. Die Grundvoraussetzung sind Menschen – zu politischer Partizipation befähigt und berechtigt: sie bilden sich eben jetzt an unseren Unis.

Rosa Nentwich-Broukal (ÖH Vorsitzende und GRAS)

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