Definier mal BILDUNGSÖKONOMISIERUNG

Was meint ein Begriff, der nunmehr seit Wochen durch die Medien geistert und als Ursache für die stattfindenden Studierendenproteste benannt wird? „Bildungsökonomisierung“ verdeutlicht als Schlagwort den Umbau der Universitäten zu Unternehmen, sodass
aus „StudentIn“ einE KonsumentIn von Wissen wird.
Wissen wird heute „produziert“ und existiert nicht mehr als Selbstzweck, unterliegt somit wirtschaftlichen Zweckmäßigkeiten. Bemerkbar macht sich dies durch den steigenden Einfluss der Privatwirtschaft, etwa über den Universitätsrat, und die knappen
Geldmittel für Disziplinen, welche nur schwer ökonomisch verwertbar erscheinen. Diese vermeintlich unnütze Forschung wird durch die Nicht-Nachbesetzung von Professuren ausgehungert, die Berechtigung ihrer Existenz im akademischen Kanon wird durch die
Bezeichnung „Orchideenfach“ ramponiert und es hängt als ständiges Damoklesschwert die Drohung der Abschaffung oder zumindest Zusammenlegung mit anderen „Orchideenfächern“ in der Luft. Dieser Rechtfertigungsdruck „ökonomisch wertvoll zu sein“ führt in
der Folge zu sonderbaren Reaktionen, so werden Studierende der Geisteswissenschaften darüber informiert, welche Karrieremöglichkeiten sie später einmal haben, wie sie ihr Studium ökonomisch sinnvoll nutzen können und warum eine spätere Tätigkeit im
Tourismus und im Museumsbereich für KulturwissenschaftlerInnen erstrebenswert sei. Es geht nicht mehr um das Stellen von Fragen und ums Begreifen von Sachverhalten, sondern was mit dieser „Ausbildung“ beruflich gemacht werden kann. Die Vorstellung,
ein Studium allein aufgrund von Interesse und Neugier bzw. seiner/ihrer Selbstwillen zu machen, ohne an die Bedürfnisse des Marktes zu denken, erscheint aus dem Blickwinkel ökonomischer Nützlichkeit völlig unverständlich.

Die Erfindung des Homo Oeconomicus
Bildungsökonomisierung meint jedoch mehr, spricht sie doch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen an, die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche. Ausgangspunkt waren die Wirtschaftswissenschaften selbst, die durch ihre Autorität und scheinbar
treffsicheren ökonomischen Theoriemodelle den „Homo Oeconomicus“ erst erschaffen haben. Friedman und Hayek heißen die Propheten, als Neoklassik bezeichnet mensch die auf sie zurückgehenden ökonomischen Theorien, die ab den 1970er Jahren die Politik
in den führenden westlichen Industrieländern prägte. Der Wahrheits- und Absolutheitsanspruch war dabei so stark, dass es den ApologetInnen gelang ein neues Menschenbild zu entwerfen: Das Kosten und Nutzen kalkulierende Subjekt. Als Antriebskraft
menschlichen Handelns wird der „Eigennutz“ gesehen, woraus alle weiteren Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Der/die Einzelne steht in Konkurrenz zu allen anderen und durch gegenseitigen Tausch werden Bedürfnisse befriedigt. Der nutzenmaximierende
Mensch wird dabei zum „auf sich selbst reduzierten Subjekt“, die sozialen Beziehungen werden dabei zu Tauschverhältnissen umdefiniert. Mensch investiert in sein „Humankapital“, um seine Ausgangsposition im allgegenwärtigen Konkurrenzkampf zu verbessern.

Die Umformung der Gesellschaft durch den Neoliberalismus
Dieses ökonomische Verhaltensmodell beansprucht in allen gesellschaftlichen Bereichen Gültigkeit zu besitzen. Das Ökonomische bleibt somit nicht auf den Marktbereich begrenzt und wird so zu einem gesellschaftlichen Verhaltensmodell, da Knappheit und
Wahlfreiheit bzw. -möglichkeit überall herrschen würden. Diese Logik ökonomischer Optimierungs- und Nutzenmaximierung gilt also nun in allen Bereichen menschlichen Lebens, privat wie öffentlich. Staatliche Eingriffe, Regulation oder Umverteilung
werden dabei als störend empfunden. Es gilt die Devise: „Mehr Privat – Weniger Staat“. Dieser „Rückzug des Staates“ wird besonders in der Gesundheits-, Sozial- und Bildungspolitik deutlich, während in anderen Bereichen, vor allem das staatliche
Gewaltmonopol betreffend, repressive Law-and-Order Politik betrieben wird. Damit soll dem Sicherheitsbedürfnis der verunsicherten BürgerInnen Rechnung getragen werden, dessen Ursache im zur Risikogesellschaft neoliberal umgebauten Staate zu liegen
scheint. Die Auswirkungen dieser Politik sind Sündenbockdenken mit gleichzeitiger Ausgrenzung von stigmatisierten Randgruppen, Ordnungswahn, Überwachung und Sozialdisziplinierung.
Universitäre Bildung kann bewusstseinsbildend und die Grundlage für eine Gegenbewegung sein, denn sie befähigt zum kritischen und emanzipatorischen Denken und Handeln. Selbstbestimmt handelnde und kritisch-reflektierende Menschen können die als
Naturgesetze getarnten Logiken des Marktes entlarven. Die Studierendenproteste sind das beste Beispiel dafür…

David Kriebernegg studiert Geschichte, Kulturanthropologie und Philosophie. Seit WS09 in StV Ethnologie/Kulturanthropologie, FV GeWi und Kulturreferat. Zuvor Alternativreferat und Vertretungsarbeit, u.a. Universitätsvertretung und Senat. Aktiv in IG Geschichte und IG Philosophie.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s